Zu den Menschen, mit denen man am meisten kommuniziert (und die auch am meisten unter den Hörproblemen zu leiden haben), gehört ja die eigene Familie.
Aktuell bei uns sieht man das grad gut, weil die Sonja ja derzeit ne Woche in England ist.
Bei Normalhörenden würde der Kontakt jetzt wahrscheinlich so ablaufen, dass sie uns anruft oder wir sie und das Telefon wird dann an den nächsten weitergereicht, so dass alle mal mit ihr sprechen können.
Geht bei uns nicht.
Sonja und Uschi telefonieren miteinander, und Uschi berichtet mir dann. Und Sonja und ich schreiben uns ab und zu eine SMS. Das ist natürlich nicht das gleiche. Per SMS ist man kürzer angebunden, man hört nicht die Stimme des Anderen, und für Sonja ist es aufwändiger, erst Uschi alles zu erzählen, und mir dann noch ne SMS zu schreiben.
Und natürlich ist es auch für Uschi umständlich, ein zehnminütiges Telefongespräch mit Sonja möglichst originalgetreu widerzugeben, es wird zusammengefasst und teilweise reduziert auf den reinen Informationsfluss. Was ist passiert, was war gut, was war schlecht, usw. Dabei bleibt dann das Emotionale ein wenig auf der Strecke.
Ein anderes Beispiel sind die Tischgespräche, besonders mit Kindern. Hier meine ich jetzt nicht Sonja, die ist ja fast schon erwachsen. Kinder sind impulsiver und spontaner als Erwachsene, wechseln gerne mal sprunghaft das Gesprächsthema, sprechen undeutlicher, es ist generell schwerer vorhersehbar, worüber sie sprechen werden.
Und gut vorherzusagen, was gleich gesagt werden könnte, ist für Hörbehinderte schon die halbe Miete, denn es schränkt die Anzahl der möglicherweise gesprochenen Worte stark ein. Und dazu muss man in erster Linie wissen, worüber überhaupt gesprochen wird.
Bei uns versuche ich, die goldene Mitte zwischen "gut aufpassen", "nachfragen" und "die beiden halt mal reden lassen und beim nächsten oder übernächsten Thema wieder einsteigen" zu finden. Klappt nicht immer, geht auch nicht immer ohne genervt-sein ab. Es hemmt den Gesprächsfluss ja ziemlich, wenn einer das Gespräch unterbricht und nachfragt, was gerade gesagt wurde. Es nervt auch, wenn man dann wegen etwas gefragt wird und keine Ahnung hat, worum es geht und die anderen dann erstmal 10 Minuten Gespräch wiederholen müssen.
Es kann also viel schiefgehen:
Zu oft nachfragen führt dazu, dass die anderen gereizt sind, und als Reaktion darauf man selbst auch. Oder man selbst ist frustriert, weil man zu wenig ins Gespräch einbezogen wird, weil man ohne aktives Nachfragen nicht berücksichtigt wird. Oder man kriegt nen Anschiss, "weil man nicht aufgepasst hat" und dann wegen etwas gefragt wird und sich nicht auskennt, weil man sich eben grad mal ausgeklinkt hat, weil das Aufpassen zu anstrengend war.
Fazit: Hörbehinderte haben in der Familie im Grunde genau die gleichen Probleme (und auch im gleichen Ausmass!) wie woanders. Es kann sogar passieren, dass sich "fremde" Menschen mehr Mühe geben, verstanden zu werden, denn für diese ist die Problematik nicht alltäglich. Hinzu kommt auch, dass "nicht hören können" in der Familie nicht nur informelle, sondern auch emotionale Defizite mit sich bringt.